Darauf gibt es nur eine vernünftige Antwort:
Es gibt keinen perfekten, für alle Gelegenheiten passenden Camcorder.
Deshalb sollte man sich vor der Anschaffung einige grundsätzliche Fragen stellen:
- Budget: Wieviel kann, wieviel will ich maximal ausgeben?
(Achtung! Bitte dabei an die zusätzliche Ausrüstung und die evtl. notwendige spätere Nachbearbeitung denken!) - Ansprüche: Was will ich hauptsächlich mit dem Gerät anstellen, was auf gar keinen Fall? Wie entscheidend sind für mich Bildqualität, Tonqualität, Lichtempfindlichkeit oder technischer "Schnickschnack"?
- Einsatzzweck:
- Filme ich in der Hauptsache Privates, also Familie, Urlaubserinnerungen? (Dann genügt auch ein einfacheres Modell),
- Theater, Musikgruppen oder -ereignisse (Dann sind Ton und Lichtempfindlichkeit ganz wichtig. Zusätzlich eingebaute Effekte können sinnvoll sein),
- Reiseberichte oder Reportagen, die ich professionell verwerten will (3CCD Kamera mit ausreichend Zubehör, wie Stative, externe Micros, Aufhelllicht...)?
- filme ich hauptsächlich tagsüber oder nachts, habe ich ein besonderes künstlerisches Interesse?
Welches System?
Mittlerweile tummelt sich eine Anzahl unterschiedlicher Konzepte mit verschiedenen Aufzeichnungsmedien am Markt: Man hört und liest von MiniDV, Digital8, DVD, Harddisk, (AVCHD) mpeg4, mpeg2, Speicherkarte, Standard-DV und HDV, Single oder 3CCD etc.
Die Entscheidung für die optimale Kamera ist nicht einfach. Wir wollen vergleichen und kurz gegenüber stellen:
- Videoband MiniDV:
Bewährt, stabil und robust sind die MiniDV-Camcorder auch heute noch. Im Standardbereich sind sie technologisch und qualitativ immer noch führend (z.B. Sony VX 2100 - eine meiner Lieblings-Allroundkameras im Standardbereich). Bandmaterial ist billig und überall zu haben: umgerechnet 13-15 GB Speicherkapazität für 2,00 Euro. Vorteil: Jeder Mac, PC oder Casablanca kann DV-Filmmaterial problemlos bildgenau schneiden, eine Firewireschnittstelle vorausgesetzt. Bei den Bandpreisen lohnt sich auch das Langzeitarchivieren. - Disc:
Die Idee war gut, die Umsetzung schlecht. Die bespielte DVD sollte überall an jedem DVD-Player sofort abspielbar sein; leider gibt es heute sechs verschiedene (nicht unbedingt kompatible) Disc-Varianten mit relativ wenig Speicherkapazität: Auf eine Double-DVD passen max. 2,8 GByte, dazu stark komprimiert. Die DiscCamcorder sind sperrig, die Disc selbst sehr empfindlich. Auch darf man das Initialisieren nicht vergessen - Zum Sofort-Anschauen OK, sonst eher nicht zu gebrauchen und unpraktisch. - Festplatte:
Inzwischen von allen Herstellern angeboten. Aufzeichnung erfolgt auf Festplatte. Bis die Platte vollgeschrieben ist, muss man sich über Band oder Disc keine Gedanken machen - danach muss alles runter und es stellt sich die Frage: Wie archivieren. Da das Material stärker komprimiert ist als MiniDV-AVI kommt es beim Nachbearbeiten ab und zu zu Problemen, MPEG2 lässt sich nicht bildgenau schneiden - Einzelbilder müssen stets berechnet werden. Qualitativ kann es mit DV-AVI-Bandmaterial nicht mithalten, was aber häufig nur geübten Augen auffällt. - Speicherkarten:
Dank der Fortschritte und Verbreitung in der Fototechnik sind Speicherkarten mittlerweile recht günstig und mit großer Speicherkapazität zu haben. MPEG2 und MPEG4 wird hier als Komprimierverfahren eingesetzt. Bildgenaues Schneiden ist nicht ohne Dekomprimierung und Neuberechnung möglich. Speicherkarten sind robust und unempfindlich. Das und der sofortige Zugriff auf Dateien werden sich in Zukunft durchsetzen. Das Ende von Band und HDD, erst recht der Scheibe wird bald kommen! Sonys XDCAM steht vor der Tür.
- HD (High Definition) oder noch SD (Standard Definition)?
Die Entscheidung für oder gegen ist keine Preisfrage. Entscheidender ist: Was will ich mit meinen Aufnahmen machen?
Wer bereits einen FullHD-Fernseher hat, sollte HDV in Betracht ziehen. Wer HDV nachbearbeiten will, braucht allerdings einen extrem leistungsfähigen Rechner, erst recht, wenn es sich um AVCHD-Material handelt. Dann muss das HDV-Material auch noch irgendwie wieder gespeichert werden, um es auf einem FullHD-Monitor betrachten zu können. Dazu kann man es evtl. auf den Camcorder zurück spielen, über eine Streamingbox abspielen oder sich einen BluRay-Brenner und -player anschaffen. Das alles kostet viel Geld - man muss schon sehr engagiert sein, um den Sprung heute schon zu wagen. SD hingegen lässt sich problemlos an jedem Rechner auch aufwändig nachbearbeiten, die meisten besitzen sowieso noch 4:3/16:9-Fernseher und DVD-Player - wem das reicht, der braucht kein HD.
HDV gibt es als bandbasiertes System (DV-Technologie, die in MPEG2, statt DV-AVI aufzeichnet) oder als HDD-, Disk- oder Speicherkartenlösung (AVCHD). Letzteres Format liefert hervorragende Qualität bei geringem Speicherbedarf, kann aber (noch) von kaum einem Schnittsystem gelesen werden. Zudem entwickeln Sony und Panasonic wieder nebeneinander her.
Nach Beantwortung der Fragen hat man die Anzahl der in Frage kommenden Geräte schon beträchtlich reduziert. Schön wäre es dann einen kompetenten und ehrlichen Verkäufer zu finden, der einem bei der endgültigen Entscheidung weiterhilft. Man kann aber auch mal ein paar Euro investieren in Fachzeitschriften wie VIDEO AKTIV DIGITAL, PC VIDEO oder COMPUTER VIDEO. Dort findet man Bestenlisten oder aktuelle Kameratests.
Hier aber noch ein paar weitere Tips:
70-80% aller von mir gewünschten Aufgaben sollten mit der Kamera erledigt werden können. Für weitere spezielle Einsatzzwecke leihe ich mir ein passendes Gerät! Das ist billiger.
Nicht am falschen Ende sparen: Bildqualität und hohes Signalrausch-Verhältnis haben oberste Priorität. VHS, S-VHS oder auch Hi8 sind lange out und sollten auch als Schnäppchen nicht mehr gekauft werden. Keinen Pfennig mehr in veraltete Analogtechnik stecken. Es gibt keine ernsthafte Alternative zu Digitalvideo. Reicht das Geld für mein gestecktes Ziel nicht, lieber noch ein wenig sparen.
Handling: Es gibt tolle kleine verspielte Gerätchen, aber selten die passenden Hände und Finger dazu. Man sollte vor dem Kauf die Traumkamera einmal in die Hände nehmen, ein wenig damit spielen, schauen, ob man bequem an alle wichtigen Schalter und Knöpfe kommt: Manuell Fokussieren, Schwenken, Zoomen. Erkenne ich im Sucher überhaupt etwas, auch bei hellem Umgebungslicht? Warum wackelt denn das Bild so beim telegezoomten Schwenk? Da erweist sich ein optischer Bildstabilisator der digitalen Stabilisierung haushoch überlegen! Wie liegt die Kamera in der Hand? Lieber etwas schwerer, als zu leicht und damit empfindlich.
Filmen in Räumen: Auf Weitwinkel zoomen und schauen, wie wenig man eigentlich vom Raum erkennt. Wem das Filmen in engen Räumen wichtig ist, der sollte auf einen großen Weitwinkelbereich (= kleiner Brennweitenwert) achten oder einen GUTEN Weitwinkel-Konverter kaufen. Dabei muß darauf geachtet werden, dass das Bild nicht vignettiert (Schwarze Abschattung in den Bildecken). Gute WW-Adapter gibt es selten für unter 100 - 200 €.
Auch hier gilt: Lieber ein wenig sparen, bevor man zu Billigalternativen greift und Vignettierungen sieht oder unscharfe Aufnahmen erhält.
Fotomodus: Eine tolle Sache, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. Wer schleppt schon immer sein Stativ mit? Detailaufnahmen (Schilder, Bilder, Kultur, Natur) sind ohne Probleme möglich. Die eingefrorenen Shots eignen sich auch gut für Veröffentlichungen im Internet oder Multimedia-Anwendungen. ABER: Jede digitale Fotokamera ist besser als ein Camcorder. Ein Ersatz für eine Digitalkamera ist die Videokamera nie!
Nachbearbeitung am PC: Wer sich für DV entscheidet, der möchte auch (irgendwann) nachbearbeiten. Einen DV-Ausgang muss der Camcorder dafür auf alle Fälle haben. DV-Nachbearbeitung am PC erledigt jeder moderne Rechner nebenbei, aber wer keine oder wenig Ahnung von Computern hat, sollte sich evtl. einen vorkonfigurierten PC (oder Mac) kaufen oder einen Bekannten suchen, der ein wenig Ahnung von Rechnern hat. Oft klappt es nämlich nicht wie versprochen. Neuere PCs mit Windows XP haben in der Regel eine Firewireschnittstelle an Bord - damit sollte der Schnitt auch problemlos gelingen. MovieMaker gibts sogar gratis dazu! Wenn man dann mit der Kamera das Geschnittene auch wieder aufnehmen kann, der Camcorder also einen DV-Eingang besitzt, wäre das ideal. Camcorder-Inputs lassen sich heute nicht mehr freischalten
Problematisch in der Nachbearbeitung ist Material von DVD- oder Festplatten-Camcordern. Wem Nachbearbeitung wichtig ist, sollte lieber bei (noch) Mini-DV bleiben!
Archivieren: Man sollte seine fertig geschnittenen Filme immer (noch) auf ein DV-Band zurück spielen. DVD oder gar CD sind noch keine Alternative für Langzeitspeicherung. Verbatim gibt erstmalig für seine DataLife DVD eine Garantie von 100 Jahren! Bislang lag sie bei ca. 5 Jahren. Wenn dann aber dennoch alle Daten weg sind - Pech! Und ob's stimmt? Verbatim (o.a.) besorgt einem bestimmt nicht die verschwundenen Aufnahmen wieder.
Ton: Ein zu sehr vernachlässigtes Problem. Tolle, scharfe Bilder, aber ein miserabler Ton. Die eingebauten Micros reichen aus für die Aufnahme von Hintergrundgeräuschen. Wer aber professionelle Musik- oder Sprachaufnahmen machen muss, kommt um ein separates Mikrofon nicht herum. Dann sollte es auch noch ein passendes Mikrofon sein: Für reine Sprachaufnahmen bieten sich ein Ansteckmicro oder Studiorichtmikrofon an, für Musikaufnahmen ein Stereo- oder Grenzflächenmicro, für Naturgeräusche ein Richtmicro usw. Kann man die Automatik abschalten und den Ton an der Kamera manuell einpegeln? Kann man den Ton per Kopfhörer abhören?
Tonnachbearbeitung ist ein großes Problem bei Amateurschnittsoftware, die oftmals nur eine Stereospur zur Verfügung stellen. 2x Stereo für Musik, Kommentar, O-Ton, Geräsche/Effekte und schon ist man bei 5 Stereospuren. Eine separate Audionachbearbeitungs-Software ist von Vorteil, auch schon wegen der vielfältigen Filter und Manipulier-/Optimiermöglichkeiten. Freeware wie Audacity, aber auch Adobes Audition oder Steinbergs Cubase z.B. sind schnell zu erlernende Programme.
Zum Schluß noch ein letzter Rat:
Man sollte sich immer darüber im klaren sein, dass auch die beste Technik von alleine überhaupt keine Bilder macht. Gute Bilder macht der Mensch hinter der Kamera. Die Technik kann dabei helfen, aber man sollte sich nicht zu ihrem Sklaven machen. Immer kritisch bleiben, ganz besonders den eigenen Aufnahmen gegenüber. Durch Zuschauen lernen, das Publikum suchen und keine Angst haben vor Kritik. Niemand ist jemals perfekt.
Sicherlich bleiben immer noch eine Menge Fragen zu beantworten. Ich hoffe, meine Tipps haben ein wenig geholfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Weitere oder spezielle Fragen bekommt man sicherlich in einem Videoforum beantwortet (z.B. Slashcam, videoforum).
(Pit Aretz © 1999 - 2007)


